20.9.02

Zu viel Interessantes, zu wenig Zeit ... Heute das erste von zwei Themen, über die ich seit Tagen schreiben will: ein Artikel von Clay Shirky.

Er schreibt über Broadcast Institutions, Community Values. Es geht um große Institutionen, speziell in den Massenmedien, die Communities aufbauen und nutzen wollen.

Die Grundthesen:
1. Eine Zuschauer- oder Leserschaft baut man auf. Communities wachsen.
2. Communities müssen zwischen Größe und Fokus abwägen.
3. Partizipation ist wichtiger als Qualität.
4. Der Firma mag die Software gehören, aber die Community gehört sich selbst.
5. Die Community wird sich entwickeln und verändern wollen. Das sollte unterstützt oder zumindest zugelassen werden.

Kompetent, lesenswert, und wichtig für alle, die an eine zu direkte Beziehung zwischen der Herstellung von Öffentlichkeit und Geschäftsergebnis glauben.

Interessant, und auf Weblogs wie auch auf andere Formen des Wissensmanagement übertragbar, finde ich besonders die dritte These. Wo traditionelle Medien zuerst aussieben und dann publizieren, ist hier der Gang der Dinge genau andersherum.

"Was Medienleute nicht verstehen ist, dass die redaktionelle Auswahl im Nachhinein durchgeführt wird, nicht vorher. Google gibt Webseiten entsprechend dem Gesamturteil von Surfern aus, Slashdot lässt Surfer Artikel bewerten, und natürlich redigieren Leser immerzu, indem sie nämlich auswählen, was (und wen) sie lesen.

Jeder, der jemals eine Mailingliste mit vielen Teilnehmern abonniert hat, weiß, dass es Leute gibt, die immer etwas Interessantes zu sagen haben, und andere, die man gewöhnlich ignorieren kann. So lässt sich die Qualität des Lesestoffs regulieren, ohne kontrollieren zu müssen, was geschrieben wird. Weil sie so ans Auswählen vor Veröffentlichung gewohnt sind, versuchen Medien häufig, Mindeststandards in Community-Diskussionen zu setzen. Doch das schadet der Lebendigkeit der Auseinandersetzung."

Ich erinnere mich an ein Knowledge Management-Team, das den Firmenmitarbeitern noch Qualitätsstandards vorschreiben wollte, als die Community-Foren schon längst gähnend leer waren ... Es gibt keinerlei Grund, auf mittelmäßige Beiträge zu verzichten bzw. sie zu entmutigen - per Referendum (Verlinkung, Erwähnungen, Bezüge) werden sich immer diejenigen Beiträge, die für eine bestimmte Öffentlichkeit von Bedeutung sind, heraus kristallisieren.

19.9.02

Das European Knowledge Management Forum, gegründet 2001, vereint mehr als 40 europäische Organisationen. Ziel ist es, eine gemeinsame europäische Basis für Standards, Best Practices und Ideen im Knowledge Management zu schaffen. Hervorragend - und die nunmehr fertiggestellte Internetseite KnowledgeBoard.com sieht mit lebendigen Diskussionsforen, Veranstaltungskalender, Jobbörse und vielfältigen Materialien sehr einladend aus.

Der erste der angekündigten monatlichen Projektschwerpunkte oder "themebased communities" ist im Oktober "What type of business problems can you solve with KM?" Online-Präsentationen, -Workshops, -Interviews und -Umfragen machen die Masse der Veranstaltungen aus, Höhepunkt sind aber Workshops und Präsentationen in Prag und bei Siemens in München. Ich habe den vorläufigen Ablauf jedenfalls in meinem Kalender.

17.9.02

Wissen als Wettbewerbsfaktor. May Yap und Alan Fan schreiben in "The Edge Daily" über "Encouraging Knowledge Sharing"

"Wissensmanagement muss von Strategie ausgehen. Eine strategische Sicht heißt, dass Initiativen nicht auf Technologien oder Betriebsabläufen fußen, sondern auf erzielbare und messbar nachhaltig verbesserte Geschäftsergebnisse ausgerichtet sind." Die Autoren gehen auf Vorgaben und Planung, veränderte Führungskonzepte und Unternehmenskultur ein. (Via Synapshots)

16.9.02

Das Whitney zeigt mal wieder ein wegweisendes internetbasiertes Kunstprojekt.

Inspiriert von Buschs "Achse des Bösen", hat Golan Levin eine Weltkarte ins Netz gestellt. Wer auf drei beliebige Länder klickt, erfährt, welche "Achse" sie denn nun tatsächlich bilden. Was haben die USA mit Libyen und Irak gemeinsam?

(via David Strom's Web Informant)

15.9.02

Spätestens, seit es von Steve Denning, ehemaligem Programmdirektor Wissensmanagement der World Bank, propagiert wird, ist Storytelling ein "heißer" Begriff.

Der Zugang zum stillschweigenden Wissen der Erzählenden, die Art, wie Schwerpunkte gesetzt werden, ist es, der Erfolgs- oder Kampfesgeschichten erfahrener Kollegen so instruktiv macht. Was jeder als informelle Kommunikation am Arbeitsplatz kennt, kann durchaus zielgerichtet eingesetzt werden.

"What Works: The Business of Storytelling" in "Workforce" (Mai 2002, Online-Zugang erfordert - kostenlose - Mitgliedschaft) betont die gemeinschaftsstärkenden und motivierenden Aspekte des Geschichtenerzählens.

Das schließt natürlich die Reflektion ein, welche Geschichten man erzählt. Handeln sie von der Ignoranz des Top-Managements und der Sinnlosigkeit eigener Anstrengungen? Oder sind es kleine Siege, unerwartete Koalitionen, Fortschritte? "Schwarzweiße Worte werden farbig. Langweilige Aufträge werden zur Mission. Man wird Sie überzeugender finden. Und wenn das passiert, fangen auch andere an, Geschichten zu erzählen. Worauf warten Sie? Fangen Sie an zu erzählen!" Die Geschichte, die den Standpunkt des Autors Tom Perez illustriert, ist sein bestes Argument - neugierig?

Einen anderen Aspekt betont Douglas A. Ready in Sloan Management Review, Summer 2002: "How Storytelling Builds Next-Generation Leaders"

Zwei Kriterien unterscheiden erfolgreiche Ansätze, Führungsnachwuchs aufzubauen. Zum einen lassen sich Führungsqualitäten am besten in dem Kontext lernen, in dem sie auch angewendet werden, zum anderen von geachteten und vertrauenswürdigen Mitgliedern der eigenen Organisation. Die Fallbeispiele aus Ready's Erfahrung sind recht erhellend.

Aufgabe ist also, diese Geschichtenerzähler im Top-Management zu finden und für ein Storytelling-Programm zu gewinnen, das nichts mehr mit kurzen Motivationsansprachen zu tun hat.

Storytelling ist eine mündliche Kommunikationsform, aber die Verwandschaft zum Experten-Weblog (klog) ist unübersehbar. Auch hier wird aus dem Nähkästchen geplaudert und sachliche Information mit persönlichem Zugang vermischt. Und Bedeutung gewinnt die Erzählung aus dem gemeinsamen Hintergrund von Schreibern und Lesern.